Unsere Umweltbeauftragte war dabei!

Lippenbekenntnisse oder mehr?
Der Runde Tisch der Staatsregierung zur Artenvielfalt

Es ist ein kühler Morgen Anfang Mai, Regentropfen haben sich zu kleinen Seen auf den Sitzflächen der Terrassenstühle in der Katharina-von-Bora-Straße in München versammelt. Diametral zu den Temperaturen draußen erhitzen sich die Gemüter der bayerischen Umweltbeauftragten, die sich im Saal versammelt haben. Viele sind frustriert, haben den Eindruck, ihr Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung, für Artenvielfalt und Biodiversität erfolge in viel zu kleinen Schritten, viel zu langsam. Es lastet viel auf den Schultern Ehrenamtlicher. Es liegt nicht an fehlender Information, an Wissen, an Machbarkeit, es fehlt schlicht an Taten der zuständigen Stellen.

Seit dem 3. Mai leben wir auf Kosten anderer Länder. Deutschlands natürliche Ressourcen sind für 2019 bereits verbraucht. Der Mensch droht als Verursacher des sechsten Massensterbens in die Geschichte einzugehen. Laut einem neuen Bericht des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) sind eine Million Arten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht, wenn es zu keinen grundlegenden Änderungen bei der Landnutzung, beim Umweltschutz und der Eindämmung des Klimawandels kommt. Das wissen wir. Werden die Deutschen gefragt, ob sie weniger Flugzeug fliegen, Auto fahren oder Fleisch essen würden, stimmen viele zu. Tatsächlich aber verhalten sie sich anders. Ändert sich das gerade?

18,3 Prozent der Stimmberechtigten in Bayern haben das Volksbegehren Artenvielfalt und Naturschönheit „Rettet die Bienen“ unterstützt, sie wollen handeln und sie wollen Taten sehen. Der Landtag hatte das Volksbegehren, das ÖDP, Grüne und der Landesbund für Vogelschutz initiiert haben, bis spätestens 18. Juli zu behandeln. So lud Ministerpräsident Markus Söder zu einem Runden Tisch. Mit dabei waren die Vertreter des Bündnisses, das hinter dem Volksbegehren steht, sowie Vertreter von Städte-, Gemeinde- und Landkreistag, Bauernverband, Vertreter der Kirchen, Jagd-, Fischerei- und Waldbesitzerverband, außerdem Vertreter der relevanten Landtagsausschüsse und die Minister der betroffenen Ressorts. Der Runde Tisch ist jedoch kein Beschlussorgan. Die Ergebnisse haben lediglich als Begleitgesetz Empfehlungscharakter für den Gesetzgeber, sollen aber auch eine entsprechende Empfehlung für die kommunale Selbstverwaltung und für gesellschaftliche Gruppen im Sinne einer Selbstverpflichtung sein.

Vier Fachgruppen wurden definiert:
1. Offene Landschaft, Agrarlandschaft
2. Wald
3. Gewässer
4. Garten, Siedlungen, kommunale und urbane Lebensräume

Die Thematik der 4. Fachgruppe sah das Volksbegehren gar nicht vor. Laut Alois Glück, Landtagspräsident a.D., dem Moderator des Runden Tisches, sei diese Fachgruppe aber sehr wichtig, weil sie extrem viel Potenzial an „On-top-Vorschlägen“ bietet.

Alle, die mehrere Freitage im April am Runden Tisch „Garten, Siedlungen, kommunale und urbane Lebensräume“ im Maximilianeum saßen, waren sich einig, dass etwas getan werden müsse, forderten eine „Trendwende dem Artensterben“. Blühstreifen und Brutbiotope mit dem Ziel, zusammenhängende Biotopverbundstrukturen aufzubauen, Wanderpfade für Tiere, ein aktives Vorleben seitens der Kommunen. Industrie- und Wohngebiete sollten ökologisiert werden mit Bodenbepflanzung, Fassadengestaltung, Dachbegrünung und weniger Versiegelung, artenschutzgerechte Beleuchtung, Verwendung von vogelsicherem Glas für Lärmschutzwände, Bushaltestellen etc.

Kontroverse Einschätzungen gab es über den Weg dahin, die Verantwortlichkeiten und hauptsächlich die Finanzierung. Sind die bestehenden Vorschriften, die mit der viel zu dünnen Personaldecke kaum bis nicht realisierbar sind, nicht schon genug? Müsste man die nicht nur endlich mal umsetzen? Kenntnisse über die Arten sowie ihre Lebensräume und Lebensraumansprüche sind Grundvoraussetzungen für erfolgreiche Maßnahmen zur Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt.

Nur wenn ein Monitoring erfolgt, kann man regulierend eingreifen, feststellen, ob eine Maßnahme wirklich greift. Planen, Durchführen, Pflegen, weg mit den Bürokratiehindernissen, mehr direkte Ansprechpartner! Bildung und Kommunikation ist essenziell: „Nur was ich schätze, schütze ich auch.“

Wer berät, welche Förderprogramme gibt es, wer hilft, wenn es Probleme gibt? Das alles sollte leicht zugänglich und fachlich fundiert sein. Die personelle Verstärkung auf allen staatlichen Ebenen der Naturschutzverwaltung ist daher zwingend notwendig.

Die Zusammenfassung füllt 78 Seiten:
https://www.bayern.de/wp-content/uploads/2019/04/rundertisch_bericht_glu... .

Die 170 Teilnehmer spürten schon am ersten Tag Erfolge: Noch nie saßen wir alle an einem Tisch, wurden unterschiedliche Positionen, Erfahrungen und Anliegen, etwa zwischen Naturschutz und Nutzern, so intensiv und ausdauernd diskutiert. Das respektvolle Miteinander führte zum Abbau von Vorbehalten, zu mehr Verständnis und - wir alle haben dasselbe Ziel! Die Aufgaben des Artenschutzes können nur im Zusammenwirken verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und Fachdisziplinen verwirklicht werden – in Lebensräumen denken und miteinander handeln. Das ist der Schlüssel für positive Entwicklungen.

Viele Bürger haben begriffen, dass aufgeräumte Landschaft artenarm ist, lassen wilde Ecken in ihren Gärten stehen, schalten ihre Außenbeleuchtung nachts ab, schaffen Futter- und Nistmöglichkeiten. Auch wenn es für Umweltbeauftragte, Teilnehmer des Runden Tisches und Bürger kleine Schritte sind, sie gehen in die richtige Richtung und viele gehen mit.

Auf dem Heimweg zeigt das Display in der U-Bahn: 2018 wurde nur bei 2 Prozent aller Bauvorhaben in Bayern eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt. Eine UVP zeigt auf, wie sich ein Bauvorhaben auf die Umwelt auswirkt. Wirtschaft vor Umweltschutz? Hoffen wir, dass sich auch das ändert, dass der Willen zu mehr Artenvielfalt kein Lippenbekenntnis ist.

Birgitt Salamon
Umweltbeauftragte der Evang.-Luth. Gethsemanekirche München,
Teilnehmerin des Runden Tisches
„Garten, Siedlungen, kommunale und urbane Lebensräume“

Dieser Artikel ist abgedruckt in der aktuellen Ausgabe von "umwelt mitwelt zukunft", dem Umweltmagazin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern
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